
Die erste gemeineinsame Herbsttagung der umweltmedizinischen Verbände am letzten Septemberwochenden in Prien war ein Schulterschluss mit Langzeitwirkung.

- Auditorium: 130 Zuhörer verfolgten die Vorträge

- Diskussion: Dr. Kurt Müller in fachlicher Diskussion mit Zahnärzten
Die Thematik war schon ungewöhnlich zu der die Deutsche Gesellschaft für Umwelt-ZahnMedizin (DGUZ) Ihre Mitglieder und andere interessierte Kollegen nach Prien am Chiemsee eingeladen hatte. Multisystemerkrankung, Depression, Autoimmunität -Was hat das mit Zahnmedizin zu tun? Sagt nicht gerade das Zahnheilkundegesetz, dass sich der Zahnarzt auf solche diagnostischen und therapeutischen Massnahmen beschränken muss, die Erkrankungen im Bereich der Zähne und des Kauorgans betreffen? Haben Depressionen, Allergien, Autoimmunerkrankungen damit etwas zu tun? Spielen Zytokine, Neurotransmitter oder gar Hormone eine Rolle auch bei Erkrankungen die vom Mundraum ausgehen oder Einfluss auf diesen haben?
Natürlich ist das so! Das betonte Zahnarzt Lutz Höhne gleich im ersten Vortrag in dem er an Kasuistiken den untrennbaren Zusammenhang zwischen Zähnen, Zahnhalteapparat und Kauorgan mit dem gesamten Organismus darstellte. Er machte auch deutlich, dass die DGUZ kein ausschließlich zahnärztlicher Berufsverband ist, sondern bewusst als interdisziplinärer Dachverband für Ärzte, Zahnärzte, Zahntechniker und andere medizinische Disziplinen gegründet wurde. Das Gemeinsame der Mitglieder ist, dass sie sich mit der ganzheitlichen Zahnmedizin auf wissenschaftlicher Basis beschäftigen und die interdisziplinäre Kooperation suchen. Vor allem die Schnittstelle zwischen Medizin und Zahnmedizin ist sowohl in der Forschung aber auch in der Praxis unzureichend entwickelt. Kommunikation zwischen Ärzten und Zahnärzten über gemeinsam behandelte Patienten findet kaum statt. Gemeinsame Kongresse sind einen Rarität. Sie wären aber dringend nötig, vor allem zum Thema „Chronisch entzündliche Erkrankungen“. Es gibt Berührungsängste die man nur abbauen kann, wenn man vom jeweiligen anderen Fachgebiet mehr weiß. Nur dann wird man auch in der Wissenschaft und bei klinischen Studien darüber hinwegkommen, dass man wie heute üblich nur die epidemiologischen Zusammenhänge zwischen Zahnerkrankungen und systemischen Entzündungsleiden darstellt. Die Parodontitis ist hier exemplarisch. Patienten mit Parodontitis haben mehr Diabetes, mehr Herzinfarkte, mehr Gastrointestinalerkrankungen. Aber warum? Was bewirkt die Zusammenhänge? Welche therapeutischen Konsequenzen hat das? Hier stehen wir am Anfang eines großen Projektes und am Anfang steht bekanntlich die Kommunikation und Diskussion. Lutz Höhne wies auch darauf hin, dass genau aus diesem Grund die Herbsttagung als Gemeinschaftsprojekt zwischen der DGUZ und den beiden umweltmedizinischen Verbänden Deutschlands, dem Deutschen Berufsverband der Umweltmediziner (dbu) und der Europäischen Akademie für Umweltmedizin (EUROPAEM) organisiert wurde. Alle drei Verbände hatten ihre Mitglieder eingeladen und sicher auch deshalb sind neben 72 Zahnärzten und Zahntechnikern auch 35 Ärzte anwesend gewesen.
Die sechs folgenden Fachvorträge, waren spannend und informativ. Angenehm war, dass ausreichend Raum für Diskussionen und Fragen blieb und dass die gute Absprache zwischen den Referenten die richtige Mischung aus Wiederholung und neuem Wissen gewährleistete. Dr. Katrin Huesker vom Berliner Institut für Medizinische Diagnostik erklärte das Zusammenspiel von Zytokinen, Hormonen und Neurotransmittern am Beispiel der Depression und stellte anschaulich ein Untersuchungsschema vor, welches sich zur Differenzierung zwischen psychologischen und verschiedenen biologischen Formen der Depression bewährt hat. Dr. Kurt Müller aus Kempten nahm den Ball in seinem Vortrag auf und transferierte die grundlagenwissenschaftlichen Erkenntnisse in die klinische Praxis. Er stellte zudem seine eigenen Studien über genetische und immunologische Konstellationen bei Patienten mit Depressionen und neurodegenerativen Erkrankungen vor und zeigte, dass nicht selten Umweltschadstoffe oder auch Zahnersatzmaterialien als Trigger nachweislich beteiligt sind. Spätestens jetzt war den meisten Teilnehmern klar, warum die Überweisung von Patienten mit scheinbar psychosomatischen Symptomen zum Psychiater nur die ultima ratio sein kann. Univ.Doz. John Ionescu von der Spezialklinik Neukirchen betonte vor allem den primären und sekundären Einfluss der freien Radikale sowie des oxidativen und nitrosativen Stresses auf die entzündlichen Prozesse. Er stellte geeignete Laborparameter zu deren Nachweis vor und entwickelte daraus individuelle therapeutische Optionen. In der Praxis wird häufig verkannt, dass die Veränderungen von Labormarkern meist nur Folge der Multisystemerkrankungen sind und nicht deren Ursache. Auch wenn es wichtig ist, das Regulationssystem durch Substitution von Antioxidantien, Vitaminen, Mineralstoffen und anderen Supplementen gezielt zu stützen, darf die Suche nach den Auslösern nicht vernachlässigt werden. Dr. Markus Pfisterer aus Heilbronn vertiefte wiederum das Wissen um die freien Radikale und die Entzündungsphänomene und stellte den Zusammenhang zu typischen Veränderungen im Immunsystem dar. Er betonte dabei auch die Bedeutung der biogenen Amine wie Serotonin oder Histamin, die ja schon auf der Frühjahrstagung der DGUZ einen zentralen Stellenwert eingenommen hatten. Dankbar waren ihm die Teilnehmer dafür, dass er Einblick in seine therapeutische Praxis gab und es dabei nicht vermied, auch Präparate und Dosierungen zu nennen.
Es waren gerade die systemischen Zusammenhänge zwischen Hormonen, Immunmediatoren und Neurotransmittern und die sich daraus ableitenden Kausalketten die für die Teilnehmer interessant waren. Das Verständnis, dass parallele Veränderungen bestimmter Laborparameter folgerichtig und erklärbar sind, ist auch wichtig, um Laborprogramme übersichtlich und bezahlbar zu halten. Dr. Volker von Baehr betonte in seinem Vortrag, dass eine Multisystemerkrankung als Folge einer Störung im Neuro-Endokrino- Immunsystem zwar an wahrscheinlich mehr als 50 Laborparametern gezeigt werden könnte, dass diese aber fast ausnahmslos lediglich sekundäre Störungen darstellen. Die Auswahl der oft teuren Laboranalysen sollte sich danach richten, welche tatsächlich eine therapeutische Relevanz haben oder welche bei Wiederholungsmessungen zum Nachweis klinischer Verbesserungen dienen können. Das sind relativ wenige. Er nannte das intrazelluläre ATP als Marker einer Mitochondriopathie, das intrazelluläre Glutathion als Indikator einer intakten zellulären Resistenz und einige Entzündungszytokine der spezifischen und der unspezifischen Immunabwehr als Basisparameter um eine entzündliche Multisystemerkrankung nachzuweisen und später deren Besserung oder auch Progredienz zu belegen.
Den Abschluss machte Prof. Wolf-Dietrich Müller vom Zentrum für Biomaterialforschung der Berliner Charité. Ist Biozahnersatz machbar? Das war die konkrete Frage, die ihm die Initiatoren der Tagung gestellt haben. Es ist bis heute nicht machbar, soweit man darunter einen Werkstoff versteht, der vom Organismus nicht wahrgenommen wird. Er betonte die Bedeutung der Zahntechnik für die Qualität einer Arbeit. Die Industrie kann nur die Voraussetzungen hinsichtlich Korrosionsstabilität von Legierungen oder Polymerisationsgraden von Kunststoffen schaffen. Die verantwortungsvolle Verarbeitung durch den Zahntechniker oder auch den Zahnarzt macht aus dem „Rohling“ erst das Produkt. Er präsentierte Untersuchungsergebnisse aus seinem Labor in dem Dentalarbeiten von Patienten untersucht wurden. Die Unterschiede sind immens. Wenn man bedenkt, dass letztlich erst frei werdenden Partikel, Metallionen oder Acrylatmonomere sowohl toxikologische als auch immunologische Einflüsse auf den Organismus nehmen können, dann wünscht man sich, dass jede Dentalarbeit vor dem Einsatz von ihm geprüft wird. Das geht natürlich nicht, aber Problemfelder wie Lote oder unnötige Materialkombinationen können von Vornherein vermieden werden.
Die Moderatoren, das waren am Freitag der Dermatologe und Umweltmediziner Dr. Kurt Müller und am Samstag der Immunologe und Internist Professor Rüdiger von Baehr, führten in souveräner Art und Weise durch das Programm. Sie schafften es immer wieder, die Praxis in den Vordergrund zu stellen, wenn die Diskussionen zu theoretisch wurden. Die Teilnehmer sollten etwas mitnehmen können, auch wenn es „Kochrezepte“ (noch) nicht gibt. Diese gilt es in den kommenden Jahren zu erarbeiten und jeder ist aufgerufen, daran mitzuarbeiten. Vielleicht unterschied das diese Tagung von manch anderen Kongressen wo Leitlinien und vorgefertigte Handlungsanweisungen präsentiert werden. Wer es so leicht haben wollte, war hier mit Sicherheit am falschen Platz. Es war wohltuend, dass auch die renommierten Referenten zugeben konnten, manche Phänomene noch nicht erklären zu können.
„Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“ (1). Zwei Tagungen werfen Ihre Schatten voraus. Am 2. und 3. Dezember findet in Würzburg ein Symposium von EUROPAEM zum Thema Schimmelpilzbelastung statt. Das ist auch ein Thema, welches Medizin und Zahnmedizin verbindet, auch wenn viele Zahnärzte und Ärzte das Problem in der Praxis nicht sehen (wollen?). Am 24. und 25. März kommenden Jahres steht dann die nunmehr schon 4. Jahrestagung der DGUZ an. Parodontitis – eine Multisystemerkrankung! Hier soll mehr kommen als die bisher leider üblichen epidemiologisch geprägten Erkenntnisse, dass Parodontopathien und Zahnerkrankungen häufig mit systemischen Erkrankungen assoziiert sind. Praktizierbar sind diese Erkenntnisse nur dann, wenn man die verantwortlichen Mechanismen kennt und therapeutische Handlungsmassnahmen daraus ableitet. Wir freuen uns, dass unter anderem Herr Professor Straub, Lehrstuhlinhaber für Neuro-Endokrino-Immunologie an der Universität Regensburg, bereits seine aktive Teilnahme zugesagt hat. Das Programm wird in Kürze auf den Homepages der umweltmedizinischen Verbände veröffentlicht sein. Kommen sie zu den Tagungen, diskutieren Sie mit. Es lohnt sich.
(1) Sepp Herberger, Bundestrainer der Deutschen Fußballnationalmannschaft 1954 Zitat sicherheitshalber angegeben um nicht in den Ruf zu kommen, mit Plagiaten zu arbeiten.
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